IM FOKUS | Urheberrecht im digitalen Zeitalter | Gespäch, EIKON

IM FOKUS | Urheberrecht im digitalen Zeitalter
01. Juli 2016

 

Auszug aus dem gleichnamigen Artikel
EIKON, Heft Nr. 94, 2016

Nela Eggenberger: Als jemand, der mit Fotografie zu tun hat, berufe auch ich mich gerne auf Roland Barthes. Er hat natürlich nicht nur Die helle Kammer geschrieben, sondern auch einen Aufsatz, in dem er vom Tod des Autors spricht und in dem es um die Dekonstruktion von Autorschaft geht. Man könnte meinen, dieser "Tod“ ist spätestens mit der digitalen Revolution vollkommen eingetreten. Anders gefragt: Ist heute die Frage nach einem Urheber nicht fast schon redundant?

Günter Schönberger: Nein, denn im digitalen Zeitalter entsteht der Content genauso wie im analogen durch Urheber. Die Verständigung über das Urheberrecht muss allerdings viel differenzierter gesehen werden. Das Gegensatzverhältnis zwischen Urhebern und Nutzern hat auf Seite der User einem partizipativeren Verhältnis Platz gemacht. Leicht auf der Strecke bleibt dabei die Position der Urheber und leider auch deren Vergütung. Hier braucht es eine Bewusstseinsbildung, als Bildrecht GmbH versuchen wir die Nutzer zu sensibilisieren. Wir bemühen uns einerseits, eine faire Abgeltung für künst-lerische Leistungen zu erzielen, andererseits auch die zwischen Urheber und Nutzer geschaltenen Unternehmen – große Player wie Google, YouTube, Facebook und Co – zu einem verantwortlichen Umgang zu bewegen. Hier bedarf es definitiv auch einer geänderten Gesetzeslage, die mit den heutigen Rezeptionsbedingungen konform geht.

Philip M. Jakober: Zur Frage, ob das Urheberrecht veraltet ist oder nicht: Nur weil die Möglichkeit der kostenlosen Nutzung prinzipiell besteht, heißt es nicht, dass geistiges Eigentum dadurch obsolet wird. Die Frage ist: Wie geht man damit um? Der Weg des "Alles-muss-frei-sein“, den manche, wie z.B. die Piraten, fordern, ist bestimmt falsch. Denn dieser ist wegen des Kulturerhalts zu kurz gedacht. Kultur ist das Fundament einer Nation, das als geistiges Eigentum geschützt werden muss. Wenn das Urheberrecht zur Gänze aufgehoben wird, entsteht keine Kunst mehr. Andererseits geht es auch nicht darum, auf Teufel komm raus ein altes System aufrechtzuerhalten. Es ist also wichtig, neue Wege zu finden – an den richtigen Stellen muss eine Vergütung fließen.

GS: Zwischen der vollkommenen Freiheit der Contentnutzung und ihrer absoluten Reglementierung gibt es viele Möglichkeiten. Regeln für ein ausgeglichenes Verhältnis brauchen beide Parteien im Boot: Ein verschreckter User ist genauso wenig wünschenswert wie Urheber, die trotz breiter Wahrnehmung existenziell bedroht sind. Es braucht den Abgleich z.B. in Form einer Speichermedien- oder Cloudvergütung bei privater Nutzung, bzw. den vorher angesprochenen Leistungsausgleich durch die großen Plattformenbetreiber und die verstärkte Kooperation zwischen Kulturinstitutionen und Verwertungsgesellschaften.

(...)

NE: Kommen wir nochmal auf die Fotografie und mit ihr zum Fotografieren zurück. In Österreich, auch in Deutschland, gibt es die sogenannte "Panoramafreiheit“. Das bedeutet, dass ich für ein Foto, das ein bedeutendes und urheberrechtlich geschütztes Denkmal zeigt, in keiner Weise belangt werden kann. Im EU-Parlament wurde unlängst diskutiert, ob man dieses Gesetz aufheben sollte ...

GS: In Europa gibt es dafür unterschiedliche Gesetzesregelungen. In den Benelux-Staaten ist die Panoramafreiheit strenger ausgelegt. Die fotografische Nutzung von Kunstwerken im öffentlichen Raum bedarf einer Zustimmung, wenn sie kommerziell ausfällt. Die Intention wäre hier gewesen, diese Regelung anzugleichen, sodass auch in Österreich eine kommerzielle Verwendung urheberrechtlich abgeklärt werden muss. Die momentane Situation ist die, dass alles, was im freien Straßenbild dauerhaft und fix verankert ist, frei fotografiert und auch kommerziell genutzt werden darf, wie beispielsweise das Hrdlicka-Denkmal bei der Albertina. Meiner Meinung nach gibt es hier einen Bedarf nach Differenzierung, um einerseits z.B. die Rechte der Architekten zu stärken, andererseits aber nicht die Panoramafreiheit zu einem juristischen Labyrinth zu machen. Eine einfache Lösung für kommerzielle Nutzungen wären Pauschalabgeltungen, die man über Verwertungsgesellschaften und Berufsverbände steuern könnte. Was die Panoramafreiheit auch in Österreich und Deutschland nicht erlaubt, ist eine nachträgliche Bearbeitung der geschützten Werke.

NE: Eine ähnliche Frage stellt sich auch bei der Appropriation Art, bei der der Urheber wohl auch oft nicht eindeutig zuordenbar ist.

PMJ: Das ist eigentlich ganz klar: Der Ausgangskünstler hat seine Rechte, und der Künstler, der sein Kunstwerk darauf montiert, hat für das Ergänzte die Rechte. Meistens handelt es sich hier um eine Rechtsverletzung, außer der Ausgangskünstler ist bereits verstorben und dessen Kunst ist frei nutzbar. Denn dann ist die Reproduktion bzw. die Verwendung erlaubt, ansonsten braucht man eine Genehmigung.

GS: … außer es handelt sich um ein sogenanntes "Beiwerk“. Das bedeutet, das ursprüngliche Werk ist nur mehr in einem sehr eingeschränkten Maße wiedererkennbar und der Schöpfungsgrad des eigenen Werks ist unverkennbar vorherrschend. 

NE: Meinem Empfinden nach sichern sich viele Künstler jedoch nicht wirklich ab.

GS: Aus unserer Erfahrung stellen sich diese Probleme weniger oft als erwartet. Bei Unsicherheiten, oder bevor der Rechtsweg eingeschlagen wird, können sich Künstler bei uns Tipps bzw. rechtliche Empfehlungen einholen. Wir unterstützen unsere Mitglieder auch in dem Fall, dass wirklich einmal eine Urheberrechtsverletzung vorliegt. Ein Künstler hat beispielsweise einmal eine Landkarte fotografiert, sie auf seiner Website verwendet und dort seinen Wohnort markiert. Vom Urheber der Landkarte wurden 4.000 Euro in Rechnung gestellt. Auf unsere Vermittlung hin konnte diese Forderung mit dem Argument der Unverhältnismäßigkeit auf 300 Euro reduziert werden. Unser Ansatz ist es, beide Seiten zu sehen und berechtigte Ansprüche auszutarieren. Es ist für uns wichtig, die Rechte von Künstlern zu stärken und zu sichern, aber diese auch alltagstauglich und praktikabel zu gestalten. Beispielsweise handeln wir Pauschalverträge mit Printmedien und Fernsehanstalten aus, mit denen die Nutzung von Bildrechten kollektiv abgegolten wird. International hat sich diese kollektive Rechtewahrnehmung als Verwertungsmodell sehr bewährt. Eine delikatere Situation im Kontext der fotografischen Wiedergabe stellt das Persönlichkeitsrecht dar, beispielsweise wenn man Personen fotografiert. Wenn eine Person durch eine solche Fotografie ohne ihre Zustimmung erkennbar abgebildet oder gar in ihrem Verhalten oder Wesen bloßgestellt wird, kann sie juristisch dagegen vorgehen. Bei Personen des öffentlichen Lebens, wie Politikern oder Stars, ist das natürlich eine andere Situation. Auch das Fotografieren einer größeren Menschengruppe, bei der die Einzelperson nicht im Fokus steht, bildet eine Ausnahme.

(...)

 

Der vollständige Artikel kann in der EIKON Heftausgabe Nr. 94 nachgelesen werden. 

Nela Eggenberger studierte Kunstgeschichte in Wien, gefolgt von diversen redaktionellen Tätigkeiten sowie Presse- und Vermittlungsarbeit (u.a. für frame, MUMOK, WestLicht). Seit 2013 ist sie Chefredakteurin von EIKON

Günter Schönberger ist Geschäftsführer der Bildrecht GmbH, der Urheberrechtsgesellschaft für bildende Kunst, Fotografie und Design, die in Österreich über 3000 Künstler vertritt. Er ist seit vielen Jahren an der Schnitt-stelle von Kunst, Kultur und Wirtschaft tätig und setzt sich im kulturpolitischen Diskurs für einen fairen Umgang mit geistigem Eigentum ein.  

Philip M. Jakober gründete die Kanzlei Jakober Rechtsanwälte im Jahr 2006 , die auf das Urheberrecht und das geistige Eigentum (Markenrecht, Designrecht etc.) spezialisiert ist und einen Standort in Wien und Stuttgart hat.

 

 

 

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